Martin Siefermann stammt aus dem beschaulichen Oberkirch im Schwarzwald und ist ein vielseitiger Ausdauer-, Berg- und Wintersportler sowie angehender Bergführer. Neben einer ungemein guten Physis fallen seine gute Laune und positive Lebenseinstellung auf.
Was treibt dich an Bergführer zu werden?
Ich war schon immer viel draußen und habe einen großen Bewegungsdrang. Mit dreizehn Jahren habe ich mit dem Mountainbiken angefangen und war später zwei Jahre im Nationalkader. Danach habe ich meine sportlichen Aktivitäten auf Langlaufen und Bergsport wie Skitouren und Hochtouren erweitert. Später kamen noch das Eis- und Mehrseillängenklettern in großen Wänden hinzu. Da ich große Freude daran hatte, bin ich dabei geblieben und habe entschieden meine Leidenschaft zum Beruf zu machen.
Was macht einen guten Bergführer aus?
Die Fähigkeiten eines Bergführers basieren im Grunde auf drei Säulen. Die erste ist das persönliche Können. Jeder Bergführer kommt wahrscheinlich die Eiger-Nordwand hoch und das ist ja auch schon eine große Kunst. Dann Technik und Sicherheit am Berg für die Gäste. Da sind eigentlich auch alle Bergführer auf höchstem Niveau ausgebildet. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist die soziale Kompetenz den Gästen gegenüber. Und da bin ich, glaube ich gar nicht so schlecht. Die Leidenschaft dahinter ist für mich irrsinnig groß. Denn ich merke, dass das ist für mich eine große Zukunft hat und die Touren, welche ich als Aspirant bisher geführt habe, haben alle einen Riesenspaß gemacht. Es ist schön die glücklichen Leute auf dem Berg zu sehen und ihre Wertschätzung und Dankbarkeit zu erfahren. Das zaubert mir jedes Mal ein breites Grinsen ins Gesicht.

Du bist häufig im hochalpinen Gelände unterwegs. Wie gehst du mit den Risiken um?
Das Risiko ist in den Bergen natürlich nie gleich null ist und Gedanken an Gefahren sind daher immer präsent. Durch die Ausbildung kann ich es aber ziemlich minimieren, da ich viele Dinge gelernt habe, die das Geschehen in den Bergen sicherer und kalkulierbarer machen. Letztlich hilft mir die Ausbildung mich in den Bergen auch in schwierigem Gelände sicher fortzubewegen.
Was motiviert dich bei Wind und Wetter herauszugehen?
Ich weiß, dass es nach fünf Minuten besser wird. Also, wenn man fünf Minuten gelaufen ist und der Körper ein bisschen warm ist. Dann ist es egal wie kalt es draußen ist, ob es stürmt, ob es hagelt oder wie rau die Bedingungen sind. Und ich erfreue mich jedes Mal wieder aufs Neue rauszugehen und die Natur zu genießen.
Speziell beim Laufen geht es superschnell. Das ist so einfach, denn man benötigt nur ein Paar Schuhe und schon ist man frei und ohne großen Aufwand in der Natur unterwegs. Laufen kann man zu jeder Jahreszeit und deshalb ist es immer präsent. Alle anderen Sportarten wechseln durch die Jahreszeiten und bringen dadurch aber auch eine gesunde Mischung rein.
Welche Rolle spielt der Trainingsgedanke für dich?
Teilweise trainiere ich schon spezifisch. Aber dadurch, dass ich das früher während der Zeit in der Mountainbike-Nationalmannschaft so intensiv gemacht habe, hält sich meine Motivation starr zu trainieren inzwischen in Grenzen. Ich gehe eher nach Lust, Laune und Wetter raus in die Natur und genieße es.
Ich will nicht sagen, dass ich es früher übertrieben habe, aber ich habe es natürlich sehr konsequent und mit hohem Aufwand betrieben. Insgesamt war es eine super geile Zeit, zurück will ich sie aber nicht. Es ist eine schöne Erinnerung, die ich abgehakt habe.
Wie war es als junger Mensch mit dem hohen Trainingspensum und den Entbehrungen zurechtzukommen?
Zum einen war es super gut, weil ich dort auch einen Freundeskreis mit Gleichgesinnten hatte und wir uns gegenseitig gepusht haben. Auf der anderen Seite war es mit Verzicht auf Partys und Alkohol und so weiter verbunden. Die Zeit um achtzehn herum ist sozial eine sehr prägende Zeit, auch was Mädchen und so betrifft – wobei, da ging schon auch was (lacht).
Aber ich habe insgesamt schon auf viel verzichtet während der Zeit.
Vom harten Training, über die Ernährung bis hin zum Schlaf wurde alles optimiert um das Maximum aus dem Körper herauszuholen.
Haben die Zeit im Nationalteam und das Mountainbiken auf hohem Niveau Auswirkungen auf deine heutigen Aktivitäten?
Definitiv. Zusätzlich zu meiner eh schon guten Veranlagung habe ich durch das ganze Training super Voraussetzungen. Und ich gehe immer noch sehr viel Laufen und Radfahren. Im Vergleich zu vielen anderen Bergführern hab ich da schon einen Vorteil.
Beim anfänglichen Konditionstest für die Bergführerausbildung in Chamonix habe ich für die 1400 Höhenmeter samt Ausrüstung nur eine Stunde und vier Minuten gebraucht – ich glaube, der Rekord besteht bis heute.
Am Berg hilft mir meine gute Kondition schon sehr, da ich viele Reserven habe und mich in technischen Passagen besser auf das Wesentliche konzentrieren kann.
Wie sehen typische Wochenendaktionen für dich aus, wenn du nicht gerade für die Bergführerausbildung unterwegs bist?
Ich habe eine super sportliche Freundin, mit der ich öfter in den Alpen bin. Vergangenes Jahr haben wir zum Beispiel den Niesengrat gemacht. Das sind etwa 40 Kilometer und ein paar hundert Höhenmeter. Man rennt dabei immer auf dem Grat. Das ist einfach superschön.
Bergsteigerisch war ich mit ihr zum Beispiel auf dem Mont Blanc. Wir sind an einem Tag hoch und wieder runter, was eine echt große Sache ist. Von Les Houches auf etwa 1200 Metern bis auf den 4809 Meter hohen Gipfel sind es ja ein paar Höhenmeter. Die leichten Passagen haben wir mit Trail-Running-Schuhen zurückgelegt und später sind wir dann als Seilschaft mit Bergschuhen weiter.
Das erinnert mich an Ueli Steck. Wie findest du den Ansatz, schnell hoch und wieder herunterzugehen?
Naja, ich werde auch älter. Früher habe ich das auch gemacht. Aber mittlerweile schätze ich die Gefahren anders ein und bin nicht mehr so risikobereit.
Das heißt nicht, dass ich keine schwierigen Touren mehr mache.
Es fehlt mir noch eine der großen Nordwände. Den Eiger habe ich vor Jahren mit meinem Kumpel Flo bestiegen. Das Matterhorn kam mir ein paar Monate später dagegen recht einfach vor, denn letztlich machen die Verhältnisse am Berg die Schwierigkeit aus. Und jetzt fehlt noch die große Nordwand des Grandes Jorasses. Das ist gerade in Planung und wird sicher eine aufregende Angelegenheit.
Wie sieht es mit größeren Expeditionen im Ausland aus?
Ich war in Peru. Das war spannend, da man für nahezu jeden Berg klettern musste und es interessante Eispassagen gab. Die Berge dort bekommt man nicht so geschenkt wie teilweise in den Alpen, wo man auf Viertausender quasi hochwandern kann. Dort habe ich auch meine ersten Sechstausender bestiegen.
Dann war ich mit einem Kumpel Raphi im Himalaya um einen Achttausender zu besteigen. Wir haben versucht selbstständig mit Ski, also ohne Sherpa, Guide und Sauerstoff auf den Manaslu zu kommen. Da Raphi anfangs krank war und sich in der Höhe schlecht erholt hat, musste ich die Zwischen-Camps selber einrichten. Aufgrund der zeitlichen Verzögerung hatten wir am Ende nur ein kurzes Zeitfenster für die Begehung. Insgesamt hat sich der Anstieg schwierig gestaltet, da ich dank einiger Nächte auf 6800 Metern besser akklimatisiert war als Raphi. Zu allem Überfluss haben wir dann noch was Falsches gegessen. In solchen Höhen sind das dann Faktoren, die man nicht so leicht wegsteckt. Die Verhältnisse in so einer Höhe sind einfach zu krass, um noch andere Komplikationen ausgleichen zu können. Trotzdem war es eine tolle Erfahrung und der Versuch hat sich allemal gelohnt.
Als schöne Zugabe konnten wir über unsere Sponsoren noch eine Spende von 8000 Euro für eine Schule gewinnen. Es war schöne die Freude der Kinder mitzuerleben und zu sehen, was ihnen ein Schulbesuch bedeutet. So hab ich mich früher nie gefühlt (lacht).
In Russland war es auch interessant. Dort habe ich mit Olaf einen Viertausender auf einer neuen Route mit vielen Eissektionen bestiegen.
Russland ist halt völlig anders. Im Gebiet um die Besingi-Mauer im Grenzgebiet zu Georgien sind wegen des Konflikts der beiden Länder viele Soldaten unterwegs. Am Anfang sind sie super ernst und halten dir eine große Waffe ins Gesicht. Nach 15 Minuten fangen sie dann an deine besten Freunde zu werden und konfrontieren dich mit den wenigen Wörtern, die sie auf Deutsch kennen – Hitler, kaputt und „schneller schneller“, was irgendwie so ein Porno-Ding ist. Ja, das war auf jeden Fall supercool und witzig.
Hast du manchmal Angst in den Bergen?
Definitiv, ja. Also gerade, wenn ich mich absichern muss, es aufgrund von bröseligem oder zu dünnem Eis aber nicht ausreichend möglich ist. Da herunterklettern meistens schwieriger ist, hat man oft keine Wahl als weiter zusteigen. Wenn dann die ausgegebene Seillänge immer länger wird und ein Sturz ins Seil deshalb lang und hart ausfallen oder man in den Stand stürzen würde, falls es eine Sicherung raushaut, ist das schon ein mulmiges Gefühl.
Du suchst die Herausforderung. Warum gehst du nicht einfach über den Lisengrat am Säntis?
(Lacht) Für mich wäre es halt zu einfach. Man hat halt Ziele im Leben und teils möchte man die auch erreichten. Zwei der drei großen Nordwände sind jetzt einfach schon geflutscht und die Letzte fehlt halt noch. In den vergangenen Jahren hat es aus verschiedenen Gründen nicht gepasst. Mal waren die Bedingungen am Berg schlecht, mal hatte ich keinen passenden Partner.
Es ist wie ein Abhaken. Oh, jetzt wird’s zu einfach! Hm, man möchte es natürlich auch erleben und fühlen. Aber die Gefühle sind teilweise widersprüchlich. Oft denkst du oh Shit, was machst du hier wieder für eine Scheiße? Im nächsten Moment geht es doch irgendwie rauf und dann feierst du dich dafür, dass du es gemanagt und die Schlüsselstelle erfolgreich hinter dich gebracht hast. Und dann geht’s halt wieder weiter – dann geht’s wieder ins Neue.
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