Aktuelle Zahlen gehen von etwa 8 Millionen Menschen in Deutschland aus, welche sich einer vegetarischen oder veganen Lebensweise verschrieben haben. Trotzdem wissen viele Menschen relativ wenig über die populärsten Motive pflanzlicher Ernährung.
Mit der vegetarischen Ernährung bin ich erstmals um mein achtzehntes Lebensjahr herum in Berührung gekommen. Der Vater meiner damaligen Freundin war seit vielen Jahre Vegetarier und praktizierte diese Lebensweise auf eine unspektakuläre Weise. Er redete selten darüber und machte auch sonst kein großes Ding daraus, weshalb sich mir seine Beweggründe nie erschlossen. Seine Diät war nach heutigem Maßstab gewöhnlich, da sogenannte Fleischersatzprodukte oder anderen pflanzliche Proteinquellen bei seiner Ernährung offensichtlich keine Rolle spielten.
Ich weiß nicht mehr genau warum, aber irgendwie weckte dieser hagere, sonnengebräunte Kautz mein Interesse und ich besorgte mir ein erstes Buch über Vegetarismus. Viele der angebrachten Argumente fand ich auf Anhieb plausibel. Ich wagte den Sprung und blicke nun, abgesehen von einer kurzen Unterbrechung, auf fast zwei Dekaden fleischlose Ernährung zurück.
Die Gewichtung der Motive hat sich im Laufe der Zeit immer mal geändert. Von anfänglich gesundheitlichen und tierrechtlichen Aspekten, hat sich mein Fokus zu ökologischen und ethischen Gründen verschoben.
Ausgewogene Ernährung als Schlüssel
Die oben geschilderte Bekanntschaft überschnitt sich zeitlich mit meinen Vorbereitungen aufs Abitur. Als Schüler eines Ernährungswissenschaftlichen Gymnasiums mit Schwerpunkt Sport, lernte ich allerhand über den menschlichen Stoffwechsel und die Bedeutung einzelner Nährstoffe. In den folgenden Jahren vertiefte ich meine Kenntnisse im Bereich Ernährung und Trainingslehre immer weiter und probierte viel, um eine umfassende Ernährung für mich zu finden.
Es ist zunächst Quark, dass Fleisch per se ungesund und eine vegetarische Ernährung gesund ist. Ein Fleischesser, welcher wenig und dafür hochwertiges Fleisch isst und dazu eine ausgewogene Ernährung an den Tag legt, lebt wahrscheinlich gesünder, als ein Vegetarier, welcher sich hauptsächlich von Fertig- und Fleischersatzprodukten ernährt und dabei pflanzliche Kost vernachlässigt.
Unstrittig ist, dass zu viel Fleisch und zu viele tierische Fette, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht und Krebsarten fördern. So sinkt das durchschnittliche Risiko von Darm-, Magen- und Brustkrebs bei Fleischverzicht um 15 Prozent, das Risiko von Diabetes Typ 2 gar um 34.
Ihr volles Potenzial entfaltet eine überwiegend pflanzliche Diät bei voller Ausnutzung der bunten Bandbreite an pflanzlichen Lebensmitteln und Verzicht auf industriell gefertigte Produkte. Eine Deckung des gesamten Kalorienbedarfs über Obst und Gemüse, Nüsse und Samen, Soja- und Lupinenprodukte sowie Getreide und hochwertige Ölen, führt zu einer enormen Aufnahme an gesunden Fetten, Proteinen, Vitaminen, Antioxidantien, Mineralstoffen, Spurenelementen und Ballaststoffen. Dank dieser hohen Nährstoffdichte regeneriert mein Körper auch nach harten Läufen zügig und meine Blutwerte, insbesondere die Blutfettwerte – sind ausgezeichnet.
Bleiben noch die leidigen Themen Protein- und Vitamin B12-Mangel. Greift man auf die oben genannten Gruppen von Lebensmitteln zurück, nimmt man mehr als genug Protein zu sich. Um nach langen und harten Trainingseinheiten auf der sicheren Seite zu sein und schnell zu regenerieren, greife ich gelegentlich zu veganen Proteinshakes in Bio-Qualität ohne Zusatzstoffe. Wer es wie ich – noch – nicht ganz so streng nimmt, kann auf hochwertigen Bio-Magerquark zurückgreifen. Dieser enthält neben viel Protein auch Vitamin B12. Bei rein pflanzlicher Ernährung empfiehlt es sich Vitamin B12 in regemäßigen Abständen zu supplementieren.
Wenn man sich an der reichhaltigen Auswahl an pflanzlichen Lebensmitteln ausgiebig bedient und die wichtigsten Nährstoffe im Auge behält, steht einer ausgewogenen und gesunden Ernährung nichts im Weg.
Euphemismus der artgerechten Haltung
Ich liebe Tiere und ich will nicht, dass sie leiden. Und so waren Tierwohl und -schutz Themen, welche zu meiner Studienzeit eine übergeordnete Rolle spielten und zu einem Engagement führten.
Bei aller Emotionalität lässt sich dieses Thema auch durch nüchterne Betrachtung der Fakten angehen. Um die enorme Nachfrage nach tierischen Produkten zu stillen, leben und sterben allein in Deutschland jährlich über 750 Millionen Tiere in der Agrarindustrie. Der Großteil davon wird in der konventionellen Massentierhaltung gehalten. Hier ist es üblich, die Tiere durch Verstümmelung der Hörner, Schwänze, Schnäbel und Zähne ohne Betäubung an die Haltungsform anzupassen. Der natürliche Bewegungsdrang, welches jedes Tier verspürt, wird durch die gängigen Haltungsformen stark eingeschränkt. Um die Gesundheit und vor allem die Leistungsfähigkeit der Tiere unter den oftmals unhygienischen Bedingungen zu gewährleisten, werden den Tieren häufig vorsorglich Antibiotika injiziert.
Gerne wird auf artgerechte Tierhaltung verwiesen. Was darunter verstanden wird, lässt sich anhand folgenden Beispiels aufzeigen. Schweine sind lernfähige und neugierige Lebewesen, deren Intelligenz die von Hunden oftmals übertrifft. Anders als die meisten Tiere sind Schweine sogar in der Lage, ihr eigenes Spiegelbild zu erkennen. Obwohl das Hausschwein sich optisch etwas von seinen wilden Verwandten entfernt hat, teilt es weiterhin deren Vorliebe für Wälder und Sümpfe und die Suche nach allerlei Köstlichkeiten im Boden.
Dem Großteil der ca. 27 Millionen Schweine in Deutschland bleibt dieses Leben verwehrt. Anstatt durch Wälder zu streifen und im Boden nach Larven zu suchen, verbringen sie ihre Zeit in geschlossenen Ställen mit harten Spaltenböden und werden intensiv mit Kraftfutter gemästet. Per Gesetz steht jedem Schwein eine Fläche von 0,75 qm zu. Mit ihrem, dank Antibiotika erreichten Schlachtgewicht, endet ihr von Stress geplagtes Leben im eigenen Kot.
Inwieweit die knapp 250.000 Schweine in ökologischer Haltung artgerecht behandelt werden, kann jeder anhand der EU-Rechtsvorschriften selber beurteilen. Diese sehen „viel Tageslicht, eine natürliche Belüftung und Auslauf“ als Grundvoraussetzungen an. Die unnatürlichen Spaltenböden dürfen „nur“ 50 Prozent der Fläche einnehmen und es müssen trockene, eingestreute Liegeflächen vorhanden sein – auch wenn diese in kleinen Ställen direkt an die verdreckten Flächen grenzen. Einem ausgewachsenen Schwein mit über 100 Kilogramm Gewicht werden 2,4 qm zugestanden und Auslauf im Freien ist nicht zwingend vorgesehen. Gnädigerweise ist das „systematische“ Abkneifen der Zähne und Schwänze nicht gestattet.
Sicher gibt es Landwirte, welche eine löbliche Ausnahmen darstellen und ihren Tieren eine artgerechtere Freilandhaltung zugestehen. Doch gegenüber 27 Millionen Tieren unter mehr als prekären Bedingungen, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Als Beispiel hätte ich jedes beliebige Nutztier auswählen können. Egal ob Milchkuh, Legehenne, Pute oder Kaninchen, was man unter artgerechter Haltung versteht, verursacht überall das gleiche Maß an Leid.
Umweltkiller Massentierhaltung
Wenn es um die Eindämmung der menschengemachten globalen Erwärmung geht, beschränken sich der öffentliche Diskurs und die Berichterstattung weitestgehend auf Verkehr und Großindustrie als Klimasünder.
Mit einem geschätzten Anteil von 14,5 Prozent an der Emission von Treibhausgasen, trägt die Massentierhaltung in erheblichem Umfang zum Klimawandel bei. Weiter gefasstere Betrachtungen kommen sogar auf beträchtlich höhere Werte. Zum Vergleich, die fünf größten Fleisch- und Molkeunternehmen zusammen, sind jährlich für mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als der Ölmulti Shell oder das Land Frankreich.
Die Auswirkung der Massentierhaltung auf den Klimawandel lässt sich im Wesentlichen auf vier Bereich zurückführen.
Das häufigste in der Landwirtschaft produzierte Treibhausgas ist Methan. Dieser bei der Verdauung von Rindern entstehende Klimakiller macht in Deutschland knapp 40 Prozent der Treibhausgasemission aus. Der Weltklimarat schätzt, dass Methan circa 80-mal klimaschädlicher ist als CO2.
Weidenutzung und Futteranbau nehmen mehr als ein Drittel der Erdoberfläche ein. Dies hat einen doppelten Effekt auf den Klimawandel. Einerseits werden natürliche Lebensräume wie Wälder und Moore, welche Treibhausgase aus der Luft binden, zerstört. Verstärkt wird der Effekt durch die Freisetzung von gebundenen Treibhausgasen, aus den durch Abholzung und Trockenlegung erodierten Böden.
Ich lebe in einer kleinen, von Weideflächen und Wäldern umgebenen Siedlung im Schwarzwald. Mehrmals im Jahr bringen die Landwirte übelriechende und konzentrierte Ausscheidungen auf die gemähten Weiden aus. Neben der Freisetzung der Treibhausgase Methan und Lachgas, kommt es durch die Gülle zu einer hohen Nitratbelastung des Grundwassers und der großflächigen Verteilung resistenter Keime. Ein weiterer Verursacher von Treibhausgasen ist die Düngung von Agrarflächen mit Kunstdüngern. Der in vielen Düngern enthaltene Stickstoff wird im Boden zu Lachgas umgewandelt. Dieses ist rund 300-mal klimaschädlicher als Kohlenstoffdioxid.
Zu diesen direkten Faktoren, kommen noch weitere Treibhausgase hinzu, welche im Laufe des Produktionszyklus verursacht werden. Der Transport und die Lagerung von tierischen Produkten sind ungleich aufwendiger als von pflanzlichen Produkten und verbrauchen entsprechend viel Energie. Ebenso der Transport von Futtermitteln, Tieren und die Energieversorgung der Einrichtungen.
Weltweit wird sich die Problematik in den nächsten Jahren verstärken. Prognosen gehen von einem Wachstum der Fleischproduktion um mehr als 12 Prozent bis 2029 aus. Bis 2050 könnten sogar 80 Prozent des Treibhausgasbudgets von der Viehindustrie verbraucht werden.
Laut Umweltministerium emittiert eine vegane Lebensweise nur halb so viel CO2 wie eine auf tierischen Produkten basierende. Eine vegetarische Ernährung ist ungefähr mittig anzusiedeln. Global gesehen stellt dies ein gewaltiges Potenzial dar, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und die Erderwärmung zu reduzieren.
Trog vor Teller
Würde sich die gesamte Weltbevölkerung rein pflanzlich ernähren, könnten 80 Prozent der heute genutzten Agrarflächen anderweitig verwendet werden – etwa durch Aufforstung um CO2 aus der Atmosphäre zu binden oder um Nahrungsmittel anzubauen. Denn ein Großteil der hungernden Menschen lebt in einem Land, in welchem Nahrung an Tiere verfüttert wird, die in westlichen Nationen geschlachtet und konsumiert werden. Allein in der EU ist der Bedarf an Milch- und Fleischprodukten so groß, dass Futtermittel wie Soja und Getreide aus überwiegend armen Ländern importiert werden müssen. Um dem steigenden Bedarf weiter gerecht zu werden, werden jedes Jahr weite Teile an intakten Wäldern gerodet. Ergänzt durch die Tatsache, dass lediglich 18 Prozent aller produzierten Kalorien und 37 Prozent aller Proteine auf einen Großteil der Fläche fallen, offenbart sich hier ein unglaubliches Potenzial bezüglich des Welthungerproblems. 2019 hungerten rund 690 Millionen Menschen. Dies entspricht jedem elften Bewohner dieser Erde. Angesichts einer rasch steigenden Weltbevölkerung wird sich dieses Problem in den kommenden Jahrzehnten weiter verschärfen. Neben der Verteilung von Land, werden das Management und die gerechte Verteilung von weiteren Ressourcen (noch) wichtiger.
Für die Produktion von 1 kg Fleisch benötigt man, je nach Quelle, 4 bis 16 kg Soja oder Getreide. 2,2 Milliarden Menschen haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. 785 Millionen haben keine Grundversorgung mit Trinkwasser. Tendenz dramatisch steigenden. Auf der anderen Seite leistet sich der wohlhabendere Teil der Welt den Luxus einer wasserintensiven Fleischproduktion. Die Herstellung von 100g Schweinefleisch bzw. Rindfleisch benötigt in der Summe 970 bzw. 3200 Liter Wasser. Der Anbau von 100g Kartoffel bzw. Weizen benötigt hingegen lediglich 15 bzw. 10 Liter. Insgesamt werden über 30 Prozent des Wassers weltweit für die Viehzucht verbraucht.
In Anbetracht der Ineffizienz der Fleischproduktion ist es weder ökologisch, ökonomisch oder ethisch vertretbar, in diesem Ausmaß daran festzuhalten.
Es ist paradox, dass sich eine aufgeklärte und scheinbar durchrationalisierte Gesellschaft den Luxus leistet, aus relativ simplen Bewegründen, an einem zutiefst verschwenderischen, unmoralischen und lebensverachtenden System festzuhalten.
Man kann nicht verlangen, dass die Menschen von heute auf morgen ihre Gewohnheiten ändern. Und es ist sicherlich zu viel verlangt, wenn man die Lebenswirklichkeit der Menschen übergeht. Aber es ist sicher nicht zu viel verlangt, wenn diejenigen, die sich einen nachhaltigeren Lebensstil sowohl finanziell als auch intellektuell leisten können, dies zunehmend tun.
Anmerkung: Die Arbeit an dem Beitrag und die nachklingenden Gedanken haben mich dazu bewogen, meinen geliebten Magerquark zukünftig nicht mehr zu konsumieren und stattdessen vegan zu leben.
Photo by Bruno van der Kraan on Unsplash
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