Ein umweltfreundliches und nachhaltiges Leben ist für drei von vier Deutschen ein erstrebenswertes Ziel. Doch in den Wirren des Alltags tun sich oftmals, von Gewissensbissen begleitete Gräben zwischen Anspruch und Realität auf.
Dienstagmorgen, kurz vor sechs, reißt mich der Wecker aus wilden Träumen. Mehrmals betätige ich die Schlummerfunktion, bevor ich mich dann aufraffe und ins Bad schleppe. Nach einem kalten Schwall ins Gesicht, gefolgt von einem kräftigen Schluck Leitungswasser, bin ich halbwegs zentriert.
Während ich meinen mit diversen Samen und Trockenobst getunten Porridge aufkoche und genüsslich mit einem Glas Kurkuma-Ingwer-Tee genieße, gehe ich die Aufgaben und Tätigkeiten des anstehenden Tages durch den Kopf. Neben Texten und organisatorischen Sachen, stehen ein zweistündiger Berglauf, Mundharmonika – mein neustes Hobby – und Einkaufen auf dem Plan.
Bereits am Wochenende wies mich meine Freundin darauf hin, dass sich der Kühlschrank und unser Vorrat an Gemüse bedrohlich geleert hätten.
Draußen pfeift der Wind durch die Wipfel der Bäume und das Thermometer zeigt 7 Grad, was nicht sonderlich zum Rausgehen, geschweige denn zum Einkaufen mit dem Fahrrad einlädt. Dazu muss ich ergänzen, dass ich in den Hügeln oberhalb von Freiburg lebe.
Nach einigem Hadern entscheide ich mich, das Auto zu nehmen und gelobe mir, – und meiner Freundin – kommende Woche das Fahrrad zu benutzen.
Heute war es das Wetter, zuvor müde Beine und beim nächsten Mal vielleicht ein sonniger Tag, der auf andere Weise genutzt werden mag. Und überhaupt, das bisschen Auto sei mir angesichts eines Verzichts auf Flugreisen, des Konsums von Bio-Lebensmitteln und nachhaltigen Klamotten verziehen.
Trotzdem kann ich mein Gewissen in Anbetracht dieser Inkonsequenz nur bedingt beruhigen. Der dichte Stadtverkehr und die Suche nach einem Parkplatz vor meinem favorisierten Bioladen tragen nicht gerade zur Entspannung bei.
Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt
Aristoteles zeigt uns, dass seit Menschengedenken eine Kluft zwischen Traum und Wirklichkeit klafft. In der Psychologie werden Erkenntnisse oder Wahrnehmungen eines Individuums über die Realität als Kognitionen bezeichnet. Da ein Mensch über eine schier unzählbare Anzahl an Erkenntnissen, Eindrücken und Wahrnehmungen verfügt, kann es – und das ist ziemlich wahrscheinlich – zu Widersprüchen zwischen ihnen kommen.
Dieser Beobachtung widmete der Sozialpsychologe Leon Festinger seine Aufmerksamkeit und bildete die Theorie der kognitiven Dissonanz. Darunter versteht man einen negativen Gefühlszustand, welcher durch die gegenseitige Unvereinbarkeit oder den Widerspruch von mindestens zwei Erkenntnissen bzw. Wahrnehmungen entsteht. Dies können konträre Einstellungen, Gefühle, Vorstellungen, Ziele, Gedanken oder Meinungen sein. In den meisten Fällen handelt es sich bei den widersprüchlichen Kognitionen um Entscheidungen, Handlungen und Informationen auf der einen und Überzeugungen, Gefühlen und Werten auf der anderen Seite.
Die Überzeugung von Nachhaltigkeit und mein Selbstbild vom umweltbewussten Menschen geraten bei der Entscheidung, Einkäufe in regelmäßigen Abständen mit dem Auto zu erledigen, in Spannung – und die vorwurfsvollen Blicke meiner Freundin geben ihr übriges dazu.
Die durch diese inneren Konflikte verursachten störenden Gefühl und Gedanken versuchen wir in der Folge loszuwerden. Im inneren tobt ein Kampf, der sich um Rechtfertigung vor anderen und vor allem vor uns selbst dreht.
Ein beliebtes Beispiel für kognitive Dissonanz, stellt eine rauchende Person dar, die sich der Fakten über die gesundheitlichen Risiken bewusst ist. Scheinbar unbeeindruckt verweist die Person darauf, dass auch Nichtraucher an Krebs sterben oder dass Helmut Schmidt trotz Rauchen ein hohes Alter erreichte.
Hört nur! Ich glaube ich rieche was!
Um das Dilemma in unseren Gedanken aufzulösen und uns zu erlösen, stehen uns drei wesentliche Möglichkeiten der Dissonanzreduktion offen. Zunächst ist es nahliegend, die kognitive Dissonanz zu vermeiden, indem Informationen geleugnet oder einfach nicht wahrgenommen werden. So bestreiten circa 30 Prozent der Menschen in den USA, trotz eindeutiger Fakten und großer Medienpräsenz, dass die globale Erwärmung menschengemacht ist. In Deutschland sind es immerhin noch knapp 16 Prozent.
Eine weitere und ebenso fatale Weise der Reduktion besteht in der selektiven Beschaffung von Informationen. Vor allem bei Menschen, welche einen Großteil ihrer Informationen über einschlägige Quellen im Internet beziehen, ist dies eine häufige Variante. Diese Menschen leben quasi in einer Filterblase, welche die Wahrnehmung unliebsamer Fakten vorneweg verhindert. Die beiden genannten Möglichkeiten stellen in Zeiten von Alternativen Fakten und Fake News ein ernstzunehmendes Problem dar und erschweren die Erreichbarkeit vieler Gruppen.
Eine Möglichkeit, die inneren Widersprüche aufzulösen und sich seiner Gewissensbisse zu entledigen, besteht in der ehrlichen Reflektion des eigenen Verhaltens und einer Änderung jenes. Hinsichtlich meines Dilemmas, dem Einkauf per Auto und meinem Anspruch auf Verzicht, eröffnen sich mir zwei Wege. Ich kann mir eingestehen, dass ich in diesem Fall zu bequem bin und es mir zu einfach mache sowie Besserung geloben. Oder, – und das wäre zweifelslos die elegantere Variante – ich ändere mein Verhalten, schwinge mich für den nächsten Einkauf auf mein Fahrrad und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe, indem ich Umweltschutz und Training verbinde.
Der gute Wille zählt?
Was mich betrifft, so tun sich neben meinem Einkaufsdilemma noch andere Ungereimtheiten auf, welche meinen ökologischen Fußabdruck oder meine Vorstellung von Nachhaltigkeit betreffen.
Ich bin verrückt nach Magerquark. Nicht nur, weil er ein geniales Kalorien-Protein-Verhältnis aufweist und viel Kalzium und Vitamin B12 enthält. Sondern weil er mir extrem gut schmeckt. Es ist absolut genial, nach einem längeren Berglauf, einen Magerquark mit Leinöl, Samen und Haferflocken anzurühren. Diese Vorliebe kollidiert mit meiner kritischen Haltung gegenüber der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Denn auch in der Biohaltung von Rindern sind Praktiken wie Kälbertrennung und Anbindehaltung gängige Praxis. Und dass der Konsum von biologischen Milchprodukten nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, zeigt die Tatsache, dass die Bio-Landwirtschaft nur 15-20 Prozent weniger Treibhausgase produziert als die Konventionelle.
Meine eingangs geschilderte Bequemlichkeit und meine Vorliebte für biologischen Magerquark dürften dem ein oder anderen vielleicht als Lappalie erscheinen. Doch in Anbetracht meiner Bemühungen, ein nachhaltiges Leben zu führen und guten Gewissens voranzugehen, bergen sie ein inneres Konfliktpotenzial. Die oben geschilderte Lösungsvariante, die Reflektion und Änderung des Verhaltens, konnte ich bisher nicht gänzlich umsetzen. Denn bei aller Ideologie, bei aller Einsicht und den kognitiven Dissonanzen, müssen wir uns davon lösen, alles richtig machen zu wollen – und zu können. Hermann Hesse formulierte es in seinem grandiosen Glasperlenspiel ganz treffend: „Jeder von uns ist nur ein Mensch, nur ein Versuch, ein Unterwegs. Er sollte aber dorthin unterwegs sein, wo das Vollkommene ist, er soll ins Zentrum streben, nicht an die Peripherie“.
Dementsprechend – und unweigerlich – ist die Welt nicht schwarzweiß. Es ist wichtig sich weiterzuentwickeln und es ist wichtig und löblich, den negativen Einfluss auf die Umwelt auf individueller Ebene auf ein machbares Minimum zu reduzieren. Aber wir sollten uns und anderen zugestehen, dass sich Nachhaltigkeit auf unzähligen Ebenen abspielt und uns nicht für jede Handlung geißeln. Und so beruhige ich mein Gewissen und begnüge mich mit der Gewissheit, dass mein Griff ins Kühlregal ganz bald pflanzlichen Skyr als Quarkalternative gelten wird und meine jährliche Kilometerleistung mit dem Auto im Bundesdurchschnitt schwindend gering ist.
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