Wettkämpfe haben in den vergangenen Jahren keine große Rolle für mein Dasein als Läufer gespielt. Dies lag unter anderem daran, dass ich in meinen ausgedehnten und einsamen Bergläufen immer eine tiefe Erfüllung empfand. Bis dato. In den letzten ein bis zwei Jahren wuchs der Gedanke, mit voller Ernsthaftigkeit und großer Ambition, interessante Läufe zu bestreiten, immer weiter heran.
Das Laufen hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Kaum etwas bringt mich meiner Selbst näher als ein ausgedehnter und intensiver Lauf durch bergiges Terrain und wilde Wälder. Und kaum etwas passt so gut zu meiner Persönlichkeit und kaschiert gleichzeitig meinen Schwächen so punktgenau. Wenn ich mich auch gerne über das Laufen und das reichhaltige Drumherum austausche oder meine Freundin damit volllabere, so empfinde ich das Laufen an sich doch als etwas Intimes und Einsames. Was nicht bedeutet, dass ich die Sache nicht ehrgeizig angehe. Im Gegenteil: Seit vielen Jahren liefere ich mir Wettläufe gegen die Uhr und nehme Training, Ernährung und Schlaf zugunsten einer höheren Leistungsfähigkeit ziemlich ernst.
Dass ich jetzt den Drang verspüre an einem Wettkampf teilzunehmen und mich im Vorfeld einem aufreibenden periodisierten Training hingebe, hat augenscheinlich zwei Gründe. Nach Jahren des gewissenhaften Trainings samt Schweiß, Blut und Entbehrungen ist es vielleicht eine logische Konsequenz, sich direkt mit anderen Läufern messen zu wollen, um die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit zu verschieben und um zu sehen, wo man denn steht. Zwar bin ich in der Lage, mich selbst hart zu pushen und auch gegen Ende längerer Bergläufe den letzten Anstieg offensiv anzugehen, doch psychologisch gesehen kommt es einfach nicht an die Motivation und Leistung eines Wettkampfes heran. Besonders deutlich wird dies, wenn ich an einem langen und beschwerlichen Anstieg einen Mountainbiker vor mir erblicke. Dann legt es in mir einen Schalter um und ich erhöhe intuitiv mein Tempo, versuche dranzubleiben, aufzuholen, zu überholen und den vermeidlichen Kontrahenten hinter mir zulassen.
Ein weiterer Aspekt ist der Kontakt und Austausch mit anderen Läufern. Das Laufen mit anderen war nie so mein Ding, da ich einfach gerne mein Tempo renne und mich dem Moment, dem Leid am Berg, der Freude an der Kuppe und dem scheuen Reh am Wegesrand hingebe. Vielleicht gerade deshalb, weil ausgedehnte Bergläufe für mich etwas Einsiedlerisches und Asketisches mitbringen – und ich Abseits vom Schuss wohne –, habe ich ein wachsendes Bedürfnis nach Gleichgesinnten und geteilter Leidenschaft.
Aus den genannten Gründen – und weil mein Ego wohl danach verlangt –, werde ich dieses Jahr mindestens einen Wettkampf bestreiten. Nach langem Sinnen und ausgiebiger Recherche habe ich entschieden, zunächst am 17. Juli am NIGHT52-Ultralauf über die Hügel des Kraichgaus teilzunehmen. Warum gerade dieser 52er? Bei wöchentlichen Läufen von drei bis vier Stunden und bis zu zweitausend Höhenmetern verlieren kürzere Läufe in der Ebene ihren Reiz. Abgesehen davon, dass mir die meisten Marathons – einige Ausnahmen ausgenommen – zu dichte Teilnehmerfelder aufweisen und ich mich mit diesem Massenauflauf nur bedingt identifizieren kann. Mit Teilnehmerzahlen von 50 bis 150 Leuten sind viele Landschafts- und Ultraläufe – wie der Lauf im Kraichgau – sehr überschaubar und haben einen fast schon persönlichen Charakter.
Insofern aufgrund der Corona-Pandemie oder einer Verletzung nichts dazwischen kommt, werde ich gut vorbereitet am Start stehen und eine Platzierung in den Top Ten anpeilen. Ich freue mich auf einen schönen Tag respektive eine schöne Nacht und ich werde versuchen, das ganze Drumherum, die Anfeuerung von Familie und Freunden sowie das Laufen mit interessanten Teilnehmern genießen.
Anmerkung: Informationen zum Lauf unter www.night52.de
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